Einfach Hund – Leben in der Großstadt

Veröffentlicht am 28 Oktober 2017 Schreibe einen Kommentar

 

Zusammen mit Retriever Paul und seinem Herrchen Tobias erkunden Hundetrainerin Lilli Guth und Vet-Concept Geschäftsführer Sebastian Schlatter das Leben in der Großstadt.

Was als Zweibeiner schon eine Herausforderung sein kann, ist für unsere vierbeinigen Freunde nicht minder schwierig. Autos, LKWs, Radfahrer, Kinderwagen, Fußgänger und natürlich auch andere Hunde – all dem müssen sich Hund und Halter im Stadtleben stellen.

Der ein oder andere von euch kann sich bestimmt vorstellen, dass das gar nicht so einfach ist. Um euch zu helfen unbeschadet durch den Großstadtdschungel zu kommen, hat Hundetrainerin Lilli Guth im Folgenden ein paar nützliche Tipps und Denkanstöße für euch zusammengestellt.

Aber schaut euch doch zuerst mal an wie Paul das alles so hinbekommt, viel Spaß! 🙂

 

 

„Vertrauensselig – ein schönes Wort. Vertrauen macht selig den, der es hat, und den, der es einflößt.“
Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach

 

 

Unsicherheiten nehmen

Allgemein bedeutet es in diesem Bereich, dass du Verantwortung für die Sicherheit eurer Gruppe übernimmst und in potentiell gefährlichen Situationen dafür sorgst, dass niemandem etwas zustößt. Absolut entscheidend ist hierbei, dass der Hund wirklich sieht und spürt, dass du dich kümmerst. Denn wenn der Hund insgesamt glaubt, dass sein Halter sich auch in Gefahrensituationen gut um das Wohlergehen der Gruppe kümmert und für Sicherheit sorgt, wird er weniger Unsicherheiten zeigen. Er ist dann nicht gezwungen, Dinge und Situationen zu regeln, die ihn selbst überfordern.

 

Für allgemein unsichere Hunde empfiehlt es sich, zuerst für einige Wochen nur im Haus und dessen Nahbereich am Vertrauen in den Halter und der allgemeinen Orientierung ihm gegenüber zu arbeiten.

Die Nerven liegen dann sprichwörtlich weniger „blank“ und die direkte Nähe zu seinem sicheren Zuhause hilft dem Hund selbstsicherer zu werden. So kann er angemessener und kontrollierter reagieren, lernt besser und kann schneller Vertrauen zu seinem Halter aufbauen. Denn in einer vertrauten Umgebung geben Hunde leichter die Verantwortung ab.

Der positive Nebeneffekt von einem solide aufgebauten Vertrauensverhältnis ist, dass man häufig andere unsichere Situationen nicht mehr einzeln trainieren muss, sondern stattdessen stark auf die Orientierung des Hundes am Halter und sein Vertrauen in ihn aufbauen kann.

 

 

  

Wie reagiere ich richtig? – Bei gezeigter Unsicherheit

Die meisten Hunde entscheiden zwischen drei Möglichkeiten, wie sie auf Gefahr reagieren. Erstarren, Flucht, Angriff. (In Englisch die drei „F“: Freeze, Flight, Fight.). Wir Menschen übersehen besonders das Erstarren häufig.

 

Tröste deinen Hund nicht mit Worten oder Streicheln, wenn er Unsicherheiten oder Ängste zeigt. Das macht es häufig eher schlimmer. Er merkt, dass er dir leidtut und du demnach auch nicht happy in der Situation bist.
Sei stattdessen einfach für ihn da (z.B. Kontaktliegen zulassen) und beschütze ihn körpersprachlich vor Dingen, die ihm Angst machen. Stelle dich beispielsweise ruhig und gelassen zwischen ihn und die wahrgenommene Gefahr oder schiebe dich z.B. zwischen ihn und einen Menschen, der deinen Hund anfassen möchte. Deine ruhige Ausstrahlung gibt deinem Hund ein gutes Gefühl von Sicherheit.

Finde heraus, was genau die Unsicherheit deines Hundes auslöst und arbeite dich in kleinen Schritten und vielen kleinen Erfolgserlebnissen zur Lösung vor. Eine der wirkungsvollsten Methoden im Training ist die sogenannte schrittweise Desensibilisierung.

Statt also beispielsweise einem Menschen mit Spinnenangst gleich eine Vogelspinne ins Gesicht zu setzen (Flooding) – gib ihm stattdessen die Möglichkeit, sich selbst Schritt für Schritt auf die Spinne zuzubewegen. Er könnte sie sich beispielsweise erst ein paar Mal nur in einem Glas anschauen, bevor es zu größeren Annäherungen kommt.

Dieser Weg dauert länger, ist aber insgesamt meist wirkungsvoller, weil der Unsichere sich als selbstwirksam erlebt. Er verliert nicht komplett die Kontrolle über die Situation, sondern kann selbst entscheiden, wie viel er sich zutraut.  Er lernt dadurch den Umgang mit Dingen, die ihm Angst machen, statt einfach nur aufzugeben und sie über sich ergehen zu lassen.

 

Sollte dein Hund bereits in deiner Wohnung/auf dem Grundstück stark bellen und sich aufregen, wenn beispielsweise der Briefträger kommt oder jemand klingelt, ist dies meist auch ein Zeichen, dass er sich in Gefahrensituationen für eure Gruppe verantwortlich fühlt.

Es lohnt sich, diese Situationen so zu trainieren, dass er dir gern die Verantwortung übergibt.

 

 

Aufbau einer vertrauensvollen Hund-Mensch-Beziehung

Meiner Ansicht nach sind weder nur „Bestechung“ noch nur „Strenge“ die besten Wege zum Ziel.

Die Möglichkeiten im Hundetraining sind vielfältig. Ich zeige hier eine Möglichkeit, mit der ich sehr gute Erfahrungen gemacht habe.

 

Zeige deinem Hund schon daheim, dass du derjenige bist, der Regeln aufstellt.

Fange mit dem Üben bei dir Zuhause an. Um das Stresslevel gering zu halten, trainiere zu Beginn in einer ganz ruhigen Umgebung mit möglichst wenigen Ablenkungen.

 

Du hast sicher schon mal irgendwo gehört: „Du musst halt sein Anführer werden.“ Wenn wir „Anführer“ sagen, meinen wir damit oft oberflächlich „jemand sagt, was zu tun ist und jemand anderes macht es dann.“ Es gehört aber viel mehr dazu als das.

Als Oberbegriff kannst du dir immer wieder die Frage stellen: „Wer bewegt wen?“

 

Wie sähe dein bestmöglicher Anführer aus? Zu welchen Personen schaust du auf? Wo fühlst du dich sicher?

Mein perfekter Anführer ist ruhig und besonnen. Ich habe die Beobachtung gemacht, dass viele Hunde an dieser Stelle ein ähnliches Ideal haben.

Wenn du dich in diese Richtung weiterentwickeln möchtest, dann übe dich in ruhiger „Buddha-Energie“. 😉 Ein guter Anführer ist weder laut noch hektisch. Er überblickt gelassen die Lage und trifft möglichst besonnen Entscheidungen. Achte daher besonders in Stresssituationen darauf, deine Luft nicht anzuhalten und ruhig zu atmen.

Vermeide es, zum Hund hin zu gehen. Rufe ihn stattdessen möglichst immer zu dir. (Ausnahme: Hund ist in Gefahr.)

 

Nehme Blickkontakt nur auf, wenn du etwas von deinem Hund möchtest. Vermeide ansonsten möglichst, durchgehenden Augenkontakt und das Verfolgen des Hundes mit deinem Blick.

Ignoriere den Hund, wenn er penetrant versucht, deine Aufmerksamkeit zu erlangen. Viele Hunde testen dich und deine Qualitäten damit.

 

 

Best of Amichien Bonding – Grundgedanken
Ein Hund-Mensch-Kommunikationsprinzip von Jan Fennell, Großbritannien

Es geht dabei um die grundsätzlichen Fragen: Wie kann ich ohne Anwendung von körperlicher Gewalt den Hund von der Kooperation mit seinem Besitzer überzeugen und ein möglichst entspanntes Zusammenleben erreichen? Wie schaffe ich es, dass der Hund mich als Entscheidungsträger unserer Gruppe anerkennt und mir willig folgt?

Man muss für einen entspannten Stadtspaziergang natürlich nicht zwangsläufig diesem Konzept folgen. Mir gefällt es als Basisgedanke für aufbauende Trainingsambitionen jedoch sehr gut, weil es Ruhe und klare Regeln in die Mensch-Hund-Gruppe bringt, auf die sich alle dann auch in schwierigeren Situationen verlassen können.

Mir hat die Begegnung mit Amichien Bonding (AB) damals die Augen dafür geöffnet, dass auch der Hund eine gewisse Weltwahrnehmung hat, die sich nicht unbedingt mit der meinen, menschlichen, decken muss. Es geht bei AB nicht darum, ständig Kommandos zu geben und Hunde als trainierte Befehlsempfänger zu sehen. Ich habe mich durch die Beschäftigung mit AB mehr damit beschäftigt, wie der Hund die menschengemachte Welt sehen könnte und wie ich ihm helfen kann, sich leichter darin zurechtzufinden. Dafür muss ich mir die manchmal unangenehme Frage stellen: „Was hat der Hund davon, wenn er das (für mich) macht?“ Das heißt nicht, dass es für alles Bestechungsleckerlies geben muss. Stattdessen geht es eher um grundsätzliche Sachen, wie das individuelle Abwägen von Interessenskonflikten im Alltag. Ein Beispiel: Sollte ich meinen Hund mit ins Einkaufszentrum nehmen, obwohl ihm dort langweilig sein wird?

Ganz einfach ausgedrückt, ist AB folgende Idee: Wenn wir unseren Hunden in Lebensbereichen, die ihnen besonders wichtig sind, die richtigen Signale senden, werden sie uns als die Anführer unserer Gruppe akzeptieren und unseren Entscheidungen gern folgen. Wir unterscheiden hier die folgenden vier Bereiche, diese sind Status, Jagd/Spaziergang, Futter und der Umgang mit wahrgenommener Gefahr. („Wahrgenommene“ Gefahr, weil es um die Sicht des Hundes geht, nicht unbedingt um das, was wir als gefährlich ansehen würden.)

Verhaltensauffälligkeiten in einem Bereich können durch Verhaltensänderungen in allen Bereichen leichter bearbeitet und dann behoben werden.

Man schaut sich also nicht nur das Problem an, z.B. „Hund pöbelt an der Leine fremde Leute an“, sondern überlegt, wie man dem Hund zeigen kann, dass man sich selbst um den Schutz der Gruppe kümmert. Dafür arbeitet man nicht nur an dem Problem „Pöbeln“, sondern schaut, wo der Hund im Alltag sonst noch glaubt, Verantwortung zu haben, die man ihm dann abnehmen kann.

Schiebt sich dein Hund zum Beispiel gern zwischen euch, wenn du deinen Partner umarmst oder einer Person die Hand schüttelst? Liegt er gefühlt immer direkt dort, wo du gerade durch musst?
Achte  bewusst darauf, ob dein Hund Futter bunkert oder insgesamt schlecht frisst, obwohl Krankheitsursachen als Gründe dafür ausgeschlossen wurden. 😉

Stehen deinem Hund zum Beispiel dauerhaft Futter oder herumliegende Leckerchen zur Verfügung? Das könnte ihm falsche Signale geben. Es gibt Hunde,  die Futter als eine Art Statussymbol nutzen, um dir klar zu kommunizieren, wer in diesem Haus Herr der Ressourcen ist.

Ich hoffe ich konnte euch damit etwas weiterhelfen, Fragen zum Thema beantworte ich gerne in den Kommentaren.

Habt eine schöne Zeit mit eurem Vierbeiner,

Eure Lilli Guth

 

Wir freuen uns auf eure Fragen und Kommentare.

Liebe Grüße,

Nadine

 

Folge 1 verpasst?! Kein Problem hier geht`s zum Video! 😉

 

 

 

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Dieser Artikel wurde verfasst von Nadine Avermann

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